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Bedrückend und ergreifend: „Das Dorf und der Tod“

Der Krimi von Christiane Tramitz beruht auf einer wahren Begebenheit

Wenn eine wahre Geschichte die Grundlage für einen Krimi ist, finde ich das immer besonders spannend und interessant: „Das Dorf und der Tod“ von Christiane Tramitz gehört zu dieser Gattung und hat mich direkt vom ersten Kapitel an mitgenommen.

Auf den ersten Blick kommt „Das Dorf und der Tod“ wie ein autobiografischer Roman aus einem idyllischen Dorf daher. Sieht man vom Titel-Schriftzug auf dem Cover ab, verstärkt sich dieser Eindruck noch einmal: Hohe Berge, darunter ein kleines Dorf mit mächtiger Kirche im Mittelpunkt, das von den letzten Sonnenstrahlen des Tages angestrahlt wird. Doch in diesem „goldenen Dorf“ hat sich eine wahre Tragödie abgespielt – deren Ursprung bereits 100 Jahre zurückliegt.

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Erzählt wird die Geschichte der jungen Vroni Zinsmayer. 1921. Ein kleines Dorf in Oberbayern. Die Einwohner haben ein gutes Leben. Es ist friedlich, die Häuser und Höfe sind gepflegt. Es herrscht Idylle. Die Tochter des reichen Besitzers des Säge- und Elektriztätswerk führt eine heimliche Beziehung zum Bäckerssohn Lenz Binder. Ihre Eltern haben jedoch andere Pläne mit ihrer Tochter.

Aus der großen Liebe wird jedoch nichts: Vroni wird ungeplant schwanger, von Hochzeit mit Lenz keine Spur. Vielmehr geht dieser nach Amerika, Vroni bleibt einsam und verzweifelt im „goldenen Dorf“ zurück. Für die junge Frau kommt es noch schlimmer. Ihre Vater arrangiert eine Hochzeit mit dem viel älteren und im Ersten Weltkrieg verstümmelten – er trägt eine Armprothese – Bauern Feistl. Vroni wird Jahr für Jahr unglücklicher, während sie ein Kind nach dem anderen mit ihrem verhassten Ehemann bekommt.

In „Das Dorf und der Tod“ begleitet man als Leser nicht nur Vroni in ihrem grausamen Schicksal, man wird auch Zeitzeuge der NS-Zeit und die Jahre des Zweiten Weltkriegs, die auch vor dem „goldenen Dorf“ in Oberbayern nicht Halt machen. Dorfbewohner, die plötzlich die Gesinnung wechseln und zu strammen Nazis mutieren, geheimnisvolle Städter aus Berlin, die sich das Dorf als Rückzugsort für ihre NS-Machenschaften auswählen und halbe Kinder, die in den Krieg mit hineingezogen werden – Christiane Tramitz spricht in ihrem Roman so viele Aspekte an.

Zwischen den Kapiteln wechselt regelmäßig die Perspektive. Das Leben im Dorf in der Vergangenheit wird von einem objektiven, alles beobachtenden Erzähler erzählt. Zwischendurch erzählt ein junger Mann in der Ich-Perspektive, der in der Gegenwart lebt und mit der Geschichte des Dorfes verbunden scheint.

Während die Geschichte von Vroni und den anderen Dorfbewohnern irgendwann endet, gipfelt die gegenwärtige Handlung des Romans in einer Katastrophe. Eben diese Katastrophe ist die wahre Begebenheit, die Christiane Tramitz schon im Titel ihres Buches nennt. Im Jahr 1995 bringt ein junger Mann zuerst seine Eltern und seinen Vater um, bevor er Selbstmord begeht.

Mehr möchte ich Euch zur Handlung in „Das Dorf und der Tod“ in diesem Beitrag noch gar nicht verraten. Christiane Tramitz hat es auf jeden Fall geschafft, mit ihrem Buch einen bleibenden Eindruck bei mir zu hinterlassen. Die Geschichte von Vroni hat mich wirklich mitgenommen. Ich habe mit der jungen Frau mitgelitten, ihr alles Glück der Erde mit ihrem geliebten Lenz gegönnt und ihr gewünscht, dass es ein Happy End für sie und ihren kleinen Sohn geben wird.

Dabei habe ich mich gefragt, warum mich dieses Buch so gefesselt hat. Ein Grund ist der Schreibstil von Christiane Tramitz. Sie beschreibt in ruhigen, klaren Worten das Leben im Dorf und dessen Bewohner. Die Charaktere werden lebendig und ich konnte die Höfe und Menschen in den unterschiedlichen Situationen direkt vor mir sehen. Lebendig und ausdrucksstark beschreibt es sicher am Besten. Dass die Autorin auch die schrecklichen Ereignisse wie Vronis Zwangheirat und ihren grenzenlosen Schmerz in eben diesem ruhigen Stil beschreibt, macht diese Ereignisse gleich doppelt schrecklich. Man möchte eingreifen und der Geschichte eine andere Wendung geben, doch die Handlung setzt sich unbarmherzig fort.

Respekt, ich habe selten einen so packenden Krimi gelesen, der genau genommen kein Krimi im herkömmlichen Sinne ist: Weder gibt es einen Mord zu Beginn, noch einen Ermittler. Und trotzdem ist der Fall grausam und abgründig. Eine echte Lese-Empfehlung! True Crime at its best.

Christiane Tramitz: „Das Dorf und der Tod“, Ludwig Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3-453-28124-0, 16 Euro (Taschenbuch)

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